Rede zum 60. Jahrestag der Reichsprogromnacht

Aus den Erinnerungen von Heinz Landman:
Rede zum 60. Jahrestag der Reichspogromnacht (1998)

Als ich von Gernot Römer die Einladung erhielt an dieser Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der “Kristallnacht” teilzunehmen – Da war meine erste Entscheidung – Nein, Auf keinen Fall.

Erstens, ich bin kein Redner, besonders in der deutschen Sprache und zweitens, ich fragte mich, was kann ich den Leuten erzählen, das sie nicht schon hundert Mal in Wort und Bild von anderen Holocaust Überlebenden gelesen und gehört haben?

Jedoch nach reiflicher Überlegung kam mir zum Bewustsein, dass dieser Tag etwas ganz besonderes für mich bedeuten würde und ich entschloss mich hierher – zu kommen und Ihnen ein paar bisher unbekannte Erlebnisse, zu erzählen.

In der Nacht vom 9-10 November 1938 erwachte ich um 5 Uhr morgens vom Geräusch der Türklingel. Die Tür zu meinem Schlafzimmer öffnete sich und zwei wildfremde Männer in Lodenmäntel standen mir gegenüber. “Bist du Heinz Landmann?” fragte einer der zwei, als er meinen Namen von einem Zettel las. Ich antwortete, “Ja”. “Zieh dich an und komm mit uns!” Das war alles was gesprochen wurde. Als wir unsere Wohnung in der Herrmann-Strasse #3 verliessen und die Halderstrasse überquerten sah ich Schleuche und Feuerwehr vor der Synagoge. Der Geruch von Rauch füllte die kalte Morgen Luft. Ich wusste was vorging – Die Synagoge brannte!

Auf dem Weg vom Polizeipräsidium zum Gefängnis Katzenstadel sah ich vom Polizeiwagen verschiedene jüdische Geschäfte mit eingeschlagenen Fenstern. (Daher der Name “Kristallnacht”.) Ich verbrachte den Rest des Tages mit 3 anderen Augsburger Juden (Erich Teutsch, Alfred Stein und Simon Kupfer) in einer kleinen Zelle. Gegen 4 Uhr Nachmittags wurden wir heraus geholt und ein Wächter führte uns zum Erdgeschoss. Dort waren fast alle Augsburger jüdischen Männer versammelt (einschliesslich meines Vaters) und zum Abtransport bereit. Nach einer 2 stündigen Busfahrt erreichten wir unseren Bestimmungsort. Es war das gefürchtete KZ Dachau. Unseren Empfgang dort kann ich nur mit einem Wort beschreiben – “Unmenchlisch”.

Dieser Schreckenstag endete als ich endlich total erschöpft auf dem Boden in Stube 3 Block 10, zwischen Rabiner Dr. Jacob (Anm.: dem Vater des heutigen Oberrabbiners der liberalen Münchner Gemeinde ‘Beth Schalom’) und meinem Vater einschlief. Wäre mir in diesem Augenblick ein Engel erschienen und hätte mir gesagt: “Heinz, in 60 Jahren wirst du in der neu erbauten Synagoge an einer Gedenkfeier für diesen Tag teilnehmen”, dann hätte ich ihm erwiedert: “Mein lieber Engel – Du hast wohl etwas zu viel heiliges Wasser hinter die Binde gegossen – da glaub ich noch eher, dass ein Mann auf dem Mond spazieren gehn wird. Heute wissen wir, dass, was damals unglaublich und unmöglich erschien, ist Wirklichkeit geworden.

Wie gross der unterschied von damals und heute ist, möchte ich mit einer Geschichte schildern, die nur sehr wenigen von Ihnen bekannt ist, nämlich, der erste Gottesdienst in dieser ausgebrannten Synagoge und die Folgen der Kristallnacht.

Als ich am 28. April 1945 mit den ersten amerikanischen Truppen in Augsburg einfuhr und die ausgebrannte Synagoge in der fast völlig zertrümmerten Stadt zum ersten Mal wiedersah, da wurde mir ein Zusammenhang bewusst. Das in der Kristallnacht zerstörte Gotteshaus war der Anfang eines Wahnsinnes, nämlich Augsburg “Judenrein” zu machen und die zerstreute Stadt war das Endresultat dieser Idee. Ich war froh, dass wir nur ein paar Stunden in Augsburg verblieben und nach München weiterfuhren. Das Ende des Krieges feierten wir in Salzburg und wenige Tage später las ich in einer Armee Zeitung, das am nächsten Freitag der erste Sabbat Gottesdienst in der ausgeräumten Synagoge von Augsburg stattfinden würde. Da musste ich dabei sein!

Jedoch leider stellte die Amerikanische Armee nicht jedem Gefreiten einen Wagen mit Chauffeur zur Verfügung um circa 300 KM zum Sabbat Gottesdienst zu fahren. Es bedurfte ein paar Notlügen und all meine Beziehungen um einen 3 tägigen Urlaubsschein zu erhalten. Gesagt-getan! Am Freitag morgen befand ich mich auf der Autobahn- Richtung Augsburg.

Als ich gegen Abend in der Halderstrasse ankam, da sah ich ein paar Gruppen von amerikanischen Soldaten vor dem Tore stehen und auch eine kleine Gruppe deutscher Civilisten. Ich erkannte sofort die meisten. Es waren ungefähr 10 Leute, die einen jüdischen und einen christlichen Vater oder Mutter hatten- sogenannte Halb Juden und deshalb verschont blieben. Unter Ihnen fand ich auch einen jüdischen Mann, der von einer deutschen Christin für 3 Jahre versteckt wurde und die ihm somit das Leben rettete. Ich will das erwähnen um zu zeigen, dass es auch einige wenige Deutsche gab, die etwas für Ihre jüdischen Mitbürger taten und Ihnen in ihrer Not Hilfe leisteten. Sie können sich vorstellen was für einen Empfang ich damals von meinen ehemaligen Freunden erhielt. Als das Tor geöffnet wurde betrat ich zum erstenmal seit 1938 dieses Gotteshaus.

Die Amerikanische Armee hatte einige Reihen von Klappstühlen in der leeren dunklen Halle aufgestellt. Zur Beleuchtung dienten 3 oder 4 Drähte mit Glühbirnen. Es war ein unbeschreiblich trauriger Anblick. Wohin das Augeblickte – war Russ, Schmutz und von Wasser and Feuer beschädigtes Innerhalb. Der Geruch von Rauch und Mehltau füllte die Luft und Vögel flogen durch die eingeschlagenen Fenster zu ihren Nesten in der Kuppe.

Trotz all der Vernichtung – wir hatten wieder einen Gottesdienst in dieser Synagoge. Ein amerikanischer Chaplain las den englischen Teil der Gebete und einer der jüdischen Soldaten sang die hebräischen Melodien. Der Chaplain erfuhr natürlich von meiner Vergangenheit und wollte etwas besonderes für mich tun- so gab er mir die “Ehre” beim Schlussgebet die heilige Lade zu öffnen. Auf ein Zeichen von ihm, begann ich langsam die Altartreppen hinaufzusteigen. Wie in einem Traum erinnerte ich mich, wie ich als kleiner Junge in der Loge sass und Herrn Komerzienrat Dann bewunderte, als er im Frack und Zilinderhut diese Stufen heraufstieg, vor der mit einem goldbestickten Samtvorhang bekleidenten Lade halt machte und dann das Tor mit einer Hand zurückschub. In strahlender Beleuchtung standen dort ungefähr 10 Tora rollen mit silbernen und goldenen Kronen und Brustplatten beschmückt. Es war immer ein atemberauschender Anblick den ich nie vergessen werde. Doch, als ich 1945 die letzte Stufe erreichte, erwachte ich plötzlich zu der ernüchtender Wirklichkeit. Ich stand vor einer schmutzigen, eingerosteten Holztüre, die ich nur mienglischen Teil der Gebete und einer der jüdischen Soldate

Inneres im Dunkeln stand eine kleine papier Tora, die von der Armee zur Verfügung gestellt wurde. Mit Tränen in den Augen – trat ich zur Seite und der Vorbeter begann das Schlussgebet. Als ich von der Kanzel herunterblickte, da sah ich zum ersten Male die unheimlichen Folgen der Kristallnacht. Ein ausgebranntes Gotteshaus mit der völlig zerstörten Innenseite- eine 1000 köpfige Gemeinde, die zu einer Handvoll übrig gebliebenen Mitgliedern zusammengeschrumpft war – in einer fast 100% zertrümmerten Stadt – in einem Land das gerade den schlimmsten Krieg verloren hatte und in dem Mangel an allen Notwendigem bestand, mit anderen Worten – es war wahrscheinlich der tiefste Punkt in der Geschichte dieser Synagoge.

So, wenn ich heute hier an demselben Platz stehe und überblicke die neuerbaute herrliche Innenseite dieses Gotteshauses, das heute wieder eine über 1000 köpfige Gemeinde sein eigen zählen kann- in einer schönen, neuen Stadt – in einem demokratischen, blühendem Land mit einer neuen Generation von Menschen, die den Mut and Charakter aufbrachten diesen Schandtag in deheute wieder eine über 1000 köpfige Gemeinde sein eigen zählen kann- in einer schönen, neuen Stadt – in einem demokratischen, blühendem Land mit einer neuen Generation von Menschen, die den Mu

Leider können wir die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können von Ihr lernen. Wenn wir aus dieser Zeit die Lehre ziehen- all unsere Mitmenschen, gleich welcher Rasse, Religion oder Lebensweise sie angehören – mit Respekt und Würde zu behandeln, dann hoffe ich, dass unsere Kinder und Kindeskinder das Wort “Kristallnacht” nur von jener Zeit kennen, als “Macht und Tracht” in Deutschland regierten und das Leben von Millionen unschuldiger Menschen kostete.

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass nicht nur ich, sondern auch andere Überlebende jener schrecklichen Jahre, wir wünschen uns schon lange eine Gedenktafel mit den Namen aller ermordeten Augsburger und Augsburgerinen. In vielen Städten gibt es solche Gedenktafeln, sogar sehr kleine Gemeinden erinnern so an ihre ehemaligen jüdischen Bürger. Einige von uns Überlebenden haben schon darüber gesprochen, selbst eine solche Namenstafel in Augsburg zu finanzieren. Es gibt sogar schon einen Entwurf. Aber eine solche Gedenktafel aufzustellen, das darf eigentlich nicht die Sache der Überlebenden sein. Es wäre uns ein Genugtuung, wenn sich das die Stadt Augsburg zur Aufgabe machen würde.

>Heinz Landmann – Holocaust Überlebender

Quelle: Hagalil 1998